Gespräch zum Projekt-PflanzenSchrift
mit Bettina Roggmann (Kulturstiftung Schloss Agathenburg) und Harald Finke, vom 26.7.1999, Hamburg

Roggmann:
Der längere Versuch, den es in Deinem Werk gibt, in einen Dialog mit der Natur einzutreten ist unter anderem geprägt von bestimmten Begriffsbildungen. Was macht für Dich den Unterschied zwischen den Begriffen Subdialog und Dialogversuch aus?
Finke:
Subdialog als Begriff benutze ich, um die Situation zu beschreiben, die eigentlich das Dialogische, also den tatsächlichen Dialog will, aber ihn nicht ohne weiteres erhalten kann, weil eben die Sprachlichkeiten besonders zwischen den unterschiedlichen Arten als Verständigungsmöglichkeit nicht gegeben sind. Wenn also zum Beispiel Mensch und Tier versuchen zu kommunizieren, zeigt sich dieses Problem schon deutlich. Und im pflanzlichen Bereich wird es noch eindeutiger, wenn der Mensch versucht in das Reich der Pflanzen hinein zu horchen und zu sprechen. Da gibt es anscheinend ersteinmal keine Antwort. Von daher hat sich für mich der Begriff angeboten, diese Situation einen unterschwelligen, vorerst einen Scheindialog zu nennen. Und so bot sich da beim Dialog später der Begriffzusatz des Sub an - also Subdialog.
Roggmann:
Der Begriff Subdialog unterstellt bereits, dass ein Dialog stattfindet, aber nicht auf der - ja, ich nenn das jetzt mal - auf der ersten Ebene. Ähnlich dem Begriffspaar Kultur und Subkultur, in dem auch der letztere eine kulturelle Äußerung bezeichnet.
Finke:
Die im Untergrund tätig ist - ja. Und hier ist es auch so, dass es untergründig ist - dass es unterhalb unserer uns bekannten Ebene abläuft. Der Begriff zielt auf intuitive Ebenen, die gegenüber der Verstandesebene subversiv gemeint sein sollen.
Roggmann:
Stellt dagegen der Begriff Dialogversuch in Frage, ob ein dialogisches Moment funktionieren kann? Oder setzen beide Begriffe, Subdialog und Dialogversuch voraus, dass es einen Dialog zwischen Mensch und Natur gibt? Aber es kann ja auch heißen, dieser Dialog hat Rahmenbedingungen, in dem die Dialogpartner ungleiche Voraussetzungen und ungleiche Verständigungsmöglichkeiten haben.
Finke:
Die Strukturen der verschiedenen Lebensbereiche sind bekanntlich sehr unterschiedlich. Und es ist davon auszugehen, dass die Sinnlichkeiten und Verständigungsmöglichkeiten der verschiedenen Bereiche nicht
einfach füreinander zu öffnen sind. Solange nicht auf diese Gegebenheiten eingegangen wird, kann auch

nichts ausgetauscht werden. Daraus resultiert ja auch die unterschwellig mitschwingende Frage, ob eine Kommunikation im artübergreifenden Bereich überhaupt möglich ist. Also ich antworte grundsätzlich auf diese Frage mit einem Ja.
Roggmann:
Würdest Du denn unterstellen, dass es einen Willen gibt zu der Kommunikation? - also auch aus den unterschiedlichen Bereichen der Natur heraus?
Finke:
Das ist schwer zu sagen, ob der Wille der Pflanzen vergleichbar ist mit dem menschlichen Willen. Das wäre ja schon ein Vorgriff - denn wenn ich versuche mich der Pflanze zu nähern und dabei die Vorstellung parat habe, dass da auch ein Wille in der Pflanze vorhanden ist, der meinem gleicht, dann projeziere ich ja schon wieder nur meine Sehweise.
Roggmann:
Wobei das als Ausgangspunkt ja seine Berechtigung hat zu fragen, was mach ich da eigentlich mit der Pflanze?
Finke:
Wir befragen ja die Pflanze ständig nur aus anthropozentrischer Sicht. Kann es einen Willen geben im Pflanzenbereich, der mit uns in unserer Art und Weise kommunizieren will, sich austauschen will?
Ich persönlich stelle diese Frage nicht.
Roggmann:
Das finde ich wichtig als Klärung, also auch als Abklärung des Weltbildes, weil Du damit eine bewußt offene Haltung gegenüber der Natur einnimmst. Verwendest Du deshalb den Begriff des Versuchs eines Dialoges?
Finke:
Ja, da setzt für mich der Begriff Versuch - der Dialogversuch - eigentlich erst ein. Dieser Begriff konzentriert sich einerseits auf die menschliche Seite, denn der Mensch ist ja Ausgangspunkt und Fragesteller zugleich und hat die Möglichkeit zu sagen, gut, ich versuch jetzt einmal eine Frage. Aber es muß sich deshalb noch lange nicht eine verständliche Antwort ergeben, die von der anderen Seite kommt. Für mich ist es zunächst wichtig, dass überhaupt eine Frage gestellt werden kann und das in dieser dezidierten Art und Weise, wie es zum Beispiel in der Installation ELF-FELD geschieht. Also das heißt, die Pflanze wird dabei als eigenständiges Lebewesen betrachtet, das keineswegs in irgendeiner hierarchischen Ebene unterhalb oder über dem Menschen existiert. Und an die Messanordnung angeschlossen, sowie an den Rechner, kann der Benutzer der Anlage beobachten, welche Impulse sich an der Pflanze zeigen. Und das reicht mir, um es als Dialog-Versuch anzusehen, weil damit nur ansatzweise in das fremdartige Gegenüber Pflanze hineingefragt wird. Es wird eben nicht wie in der Wissentschaft ein experimenteller Aufbau benutzt, der ganz bestimmte Antworten auf bestimmte Fragen verlangt. Das wäre für mich eine eher zwanghafte Dialogform.

Roggmann:
Dennoch hat diese Anordnung auch einen wissenschaftlichen Charakter. Das ELF-FELD unterscheidet sich von Deinen bisherigen Arbeiten, weil hier ein hohes Maß an Technik eingesetzt wird, die bestimmten Regeln unterworfen ist. Mit dem PC-Programm, dass für die Anordnung geschrieben wurde, nimmst Du Einfluß auf die Annäherung: Die Visualiseirung der Impulse, die von der Pflanze ausgehen - die Pflanzenschrift - hätte auch eine Meßkurve sein können. Allein die Art des Programms läßt sie als immer wieder ansetzende Linie erscheinen. Sicher wäre andererseits die Verbildlichung der Pflanzenschrift in Form einer Meßkurve für Deine künstlerische Antwort kaum interessant.
Aber machst Du durch den Einfluß des Programms Deine Arbeit mit der Pflanze - den Dialogversuch - nicht auch angreifbar?
Finke:
Ich möchte schon betonen, dass in dieser künstlerischen Anordnung Gewicht auf Genauigkeit gelegt wird, soweit es technisch machbar und sinnvoll ist. Und es kann auch relativ eindeutig erklärt werden wie an der Pflanze gemessen wird und was mit den Messergebnissen geschieht. Ebenso ist nachvollziehbar was mit dem Computer-Program „flanz 2001“ bewirkt wird. Den Techniküberhang nehme ich nicht so wichtig. Wichtiger ist mir, dass meine künstlerische Intention überhaupt wahrgenommen wird - dass mit einer Pflanze auf bestimmte Art und Weise kommuniziert werden kann, und die Pflanze dabei als gleichwertiger Partner angesehen wird. Im Moment kann dies alles vielleicht am besten im Bereich der Kunst über eine technische Installation vermittelt werden. Wobei die Authentizität der Ergebnisse aus dieser Messanordnung natürlich auch eine wichtige Rolle spielt, nur nicht dieselbe wie etwa im wissenschaftlichen Bereich.
Wenn andereseits die Pflanze durch eine konventionelle Zeichnung abgebildet wird und diese Zeichnung als Reflexionsebene genutzt wird, wie das in meinen frühesten Arbeit auch geschah - da hab ich das Abbild des Baumes auch tatsächlich am Baum gelassen, die Zeichnung an den Baum geheftet, wie eine Art Befragungsaktion. Ich wollte herausfinden, was nach der zeichnerischen Aktion eigentlich passiert, was mit dieser Zeichnung zum Baum zurückgetragen werden kann? - dann entsteht die Frage, was hat die Zeichnung überhaupt mit dem Baum zu tun? Oder etwas simpler - was macht der Baum mit der Zeichnung? Das waren einerseits erste Dialogversuche, andererseits war das die Suche nach neuen Fragestellungen. Wie weit kann es überhaupt einen Austausch geben und das nicht nur im zwischenmenschlichen Bereich, sondern auch zwischen den unterschiedlichen Arten, wie zum Beispiel zwischen Mensch und Pflanze?  Heute wird dieses ursprüngliche Motiv immer noch bearbeitet, auch in der hochtechnisch ausgestatteten Anlage wie ELF-Feld. Ich thematisiere, wie gesagt, dabei nicht die Technik der Anlage, also Messanordnung und Computer, sondern mich interessiert hauptsächlich die Frage, wie weit kann ich mich dem Phänomen und Partner Pflanze annähern?

Roggmann:
Zentrales Motiv Deiner Arbeit ist und war demnach der Dialog.
Finke:
Das Dialogische ist von Anfang an das Motiv in meiner Arbeit gewesen. Ich versuchte immer wieder die Signale, die ich abgab in den Reaktionen des Gegenüber zu verfolgen. Und ich versuchte zu erkennen, welche Reaktionen meine Signale und Zeichen im Gegenüber auslösten, welche Antwortzeichen sie sozuagen auslösten. So ergab sich immer wieder die Frage-Antwort-Ebene. Inhalt meiner Arbeit blieb damit eigentlich ständig das Dialogische, das heute mehr und mehr zum artübergreifenden Kommunikationsversuch wird.
Roggmann:
Inwieweit ist es bedeutend für Dich, ob der Dialogversuch gelingt, ob wirklich eine Kommunikation mit Elementen der Natur stattfindet? Die PflanzenSchrift der Installation ELF-FELD zum Beispiel, läßt, wie wir schon vorher andeuteten, die Frage aufkommen, ob sie wirklich von der Pfanze hervorgebracht wurde? Es ist ja die Frage, ob sie nicht allein durch Deinen Einfluß als Künstler hervorgerufen wurde - und Du wie ein Maler eine zweite Natur erfindest?
Finke:
Das, glaube ich, ist eher die Problematik der Sprachfindung schlechthin. Wenn ich der Pflanze nichts anbiete, werde ich auch nichts zurückbekommen. Da hier der Pflanze etwas Zeichenhaftes angeboten wird, was auf jeden Fall für sie so noch nicht vorhanden ist, hat die Pflanze auch die Möglichkeit auf meine Zeichensetzungen ebenso unvoreingenommen zu reagieren. Deshalb kann ich die PflanzenSchrift nicht als meine alleinige Hervorbringung erkennen, denn das Wichtige ist für mich, dass meine künstlerische Äußerung auf Austausch mit der Pflanze abzielt. Meine Zeichenvorgabe befindet sich schlicht auf der Ebene einer vorläufigen Form, die als Angebot in den Raum gestellt ist. Ich meine damit die Messanordnung und das Programm samt dem Rechner und den Vorformulierungen oder besser den Angeboten des technischen Bereichs. Die Pflanze reagiert vorerst mit ihrem Elektropotential auf diese Angebote und verändert meine vorläufigen Formen und Vorgaben. Das ist für mich etwas wie ein Antworten der Pflanze. Aber es kann natürlich auch noch weiter gehen, wie in den subdialogischen Pflanzenzeichnungen. Da ergibt sich wieder über den eher monologischen Kreativitätsprozess eine andere Verbindung zur Pflanze. Diese Verbindung hat mit dem inneren Pflanzenbild zu tun, das von der äußeren Pflanze in mir hervorgerufen wird durch die besonderen Erfahrungen aus dem Bereich der PflanzenSchrift. Also einmal möchte ich mit der PflanzenSchrift Antworten von der Pflanze mittels technischer Hilfsmittel erhalten, die auf

möglichst empathische Art und Weise entstehen. Das andere Mal bringe ich mit der subdialogischen Pflanzenzeichnung mein inneres Bild von meinem pflanzlichen Gegenüber zu Papier. Und ich lasse mich dabei, wie es mir scheint, von der Pflanze auf sympathetische Art und Weise führen. Mit dem Begriff zweite Natur oder zweite Schöpfung habe ich große Probleme. Da diese Begriffe auch im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz benutzt werden und allgemein eine sehr agressive Ideologie der ersten Schöpfunggegenüber ausmachen, möchte ich sie nicht benutzen. Mich interessieren nicht so sehr die Positionen Technik ist Kultur oder Technik ist Kunst oder Kunst ist Kunst, sondern eher die Position Kunst ist Leben.
Roggmann:
Also das heißt, Dir geht es auch ganz dezidiert um soziale Funktionen.
Finke:
Also die Funktion des Sozialarbeiters in der Kunst ist für mich schon sehr ausschlaggebend, denn ohne diese Funktion läuft alles immer wieder nur auf das Finden von Gesetzmäßigkeiten heraus und winzig kleine kunstimmanente Schrittchen. Andererseits sind alle drei Bereiche, die in dem Ausstellungsthema "Eremit? Forscher? Sozialarbeiter?" (Kunstverein Hamburg, 1979) auf den Punkt gebracht wurden, eigentlich gleichwertig zu benutzen. Denn ohne keinen der drei Bereiche kann meines Erachtens der Künstler auskommen. Der Forschungsbereich ist für mich klar umrissen, wie der des Sozialarbeiters. Und die Eremitage deutet hin auf die Wichtigkeit der Kontemplation, auf die Wichtigkeit der Besinnung und der Reflexion.

 

PflanzenSchrift - Parallelzeichnung
 
Das standhaft Gleiche sowie das ständig sich Wiederholende im Bild der Pflanzenschrift visualisiert scheinbar nur Chaos und Gleich-Gültigkeit. Doch zeigt sich bei näherer Betrachtung in diesem „gleichmäßigen Durcheinander“ auch eine gewisse Ordnung, die von verborgenem Gestaltungswillen hergeleitet zu sein scheint. Nicht automatisch kann hier also von Zufall gesprochen werden. Der sich einlassende  Blick kann nämlich sehr wohl Zeichensetzungen und Vernetzungen entdecken, die nicht nur wahllos sein können. Teilweise ähnelt das, was zu sehen ist sogar dissipativen Strukturbildungen. Ursache dieser musterhaften Clusterbildungen sind physiologische Bewegungen in der Pflanze. Wenn man die neuesten Forschungsergebnisse in der Biologie bedenkt, wird deutlich, dass sich unsere Erkenntnis in der Pflanzenwelt erheblich erweitert hat. Mittlerweile ist es selbstverständlich, von der Kommunikationsfähigkeit der Pflanzen untereinander zu sprechen. Wir wissen zum Beispiel, dass zwischen Blattwerk und Wurzelbereich ein sehr dezidierter Informationsaustausch stattfindet. So warnen sich Pflanzen bei Gefahr auch untereinander auf chemischem oder elektrostatischen Weg. Ein Forschungsergebnis aus Australien berichtet sogar von Klicklauten im Bereich der Wurzelspitzen als Kommunikationsmittel.

Die PflanzenSchrift wird von der Pflanze durch das von ihr angenommene PflanzenSchriftForum produziert. Zu einer gleichzeitig am Zweitrechner vom Künstler erzeugten Parallelzeichnung, kann die Pflanze auf dieses Geschehen reagieren. Das PflanzenSchriftForum  besteht aus  Messtechnik, Grafikdesign und digitaler Umwandlung im Rechner. Am erwähnten zweiten Rechner zeichnet der Künstler mit der Maus oder am DrawingPad und antwortet so auf die PflanzenSchrift mit seiner Parallelzeichnung. Jenes Monitorbild der Pflanzenschrift und das der Parallelzeichnung übereinanderkopiert, ergeben so eine Art Überlappungszeichnung.

Das Projekt „PflanzenSchrift“ hat das Motiv Versuch der Annäherung an die Pflanzenwelt. Der Pflanze wird ein Forum eingerichtet, auf dem ein Austausch zwischen Mensch und Pflanze stattfinden kann.

Einerseits sollen sinnlich nicht erfassbare Äußerungsformen der Pflanze für den Menschen sinnlich erfahrbar werden, andererseits will das Projekt der Pflanze Zeichenformen des Menschen näher bringen.

Ziel dieser Arbeit ist die Überwindung der Anthropozentrik, um empathisch den Naturreichen den nötigen Respekt zurückzugeben. Dabei gilt die besondere Aufmerksamkeit dem Pflanzenreich, da die Pflanze einer der Primärproduzenten ist und gleichzeitig Hauptträger der Lebenszyklen.

Dieses Kunstprojekt ist als ein Versuch artübergreifender Kommunikation anzusehen.

Die Funktion der Installation ist folgende - die Pflanze ist über zwei Elektroden an eine Messanordnung angeschlossen. Gemessen werden Spannungsschwankungen am Pflanzenblatt. Die Messdaten werden in ein Computerprogramm geleitet und dort mit Winkelangabe und Strichlänge belegt. Auf einem zweiten Monitor kann der Benutzer der Installation parallel zur PflanzenSchrift zeichnen.

Der Nutzer kann die gespeicherten PflanzenSchrift-Datein und seine Parallelzeichnungen ausdrucken und mit den Pflanzenäußerungsformen, wie mit seinen subdialogisch entstandenen Zeichensetzungen weiter arbeiten.

die PflanzenInstallation ELF-FELD
besteht aus Rechner, Messanordnung, AD-converter und Graphik-Programm. Die Messanordnung arbeitet mit einem hochohmigen Differenzverstärker im Pico-Amperebereich, der die Spannungsschwankungen am Pflanzenblatt misst. Diese Messwerte generieren über einen AD-Wandler und ein spezielles Zeichenprogramm im Rechner I die „PflanzenSchrift“. Die Messwerte stellen physiologisch bedingte Impulse der Pflanze dar und können mit den Ergebnissen einer Hautwiderstandsmessung verglichen werden. Am Rechner II erarbeitet der Künstler oder Rezipient die „Parallelzeichnung“. Das Konzept der „Parallelzeichnung“ ist es, der Pflanze in ihrer Äußerungsform - der „PflanzenSchrift“ - zu folgen und sie wie in einem kontrollierten Dialog zu hinterfragen. In der Konzepterweiterung werden eigene Setzungen erarbeitet und dabei beobachtet, wie weit die Pflanze dem Menschen folgt.